Verlagsbuchhandlung des Libertad Verlages

espero - Nr. 12

espero - Nr. 12
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ISBN: espero_NF_006-2023-01
GTIN/EAN: espero_NF_006-2023-01
Verlage: Libertad
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espero – Libertäre Zeitschrift (Neue Folge), Nr. 12, Januar 2026.
Herausgegeben von Markus Henning und Jochen Schmück.
Potsdam: Libertad Verlag, 2026, 360 Seiten, E-Zine (PDF). ISSN (Online): 2700-1598
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Editorial:

Es sind oft die unspektakulären Räume – das Klassenzimmer einer freien Schule, die Strukturen einer basisdemokratischen Gruppe, das Miteinander in persönlichen Beziehungen oder die alltägliche Improvisation widerständiger Gemeinschaften –, in denen neue Formen des freiheitlichen und solidarischen Zusammenlebens entwickelt werden. Überall dort, wo Menschen Hierarchien in Frage stellen, Verantwortung teilen und Autonomie im gemeinsamen Handeln erproben, gewinnt die Idee einer gelebten Anarchie Konturen: nicht als abstraktes Ideal in ferner Zukunft, sondern als reale und greifbare Möglichkeit.

Um die sich hieraus ergebenden Anforderungen an unser Denken und Handeln kreisen die Beiträge der neuen Winterausgabe – espero, Nr. 12.

An der Frage der Alltagstauglichkeit des Anarchismus setzt auch der Leitbeitrag von Siegbert Wolf an. Seine Analyse der gegenwärtigen Bewegung ist nüchtern und aufrüttelnd zugleich. Er beschreibt den Zustand der deutschsprachigen anarchistischen Szene als „miserabel und desaströs“ und kritisiert ihre gesellschaftliche Isolation sowie den Mangel an praxistauglichen Perspektiven. Sein Weckruf gipfelt in der Forderung, „die anarchistischen Essentials in der grundlegenden Grammatik des sozialen Lebens zu verankern“ und eine Veränderung der zwischenmenschlichen Beziehungen im Hier und Jetzt zu verwirklichen.

Eben dieser Herausforderung widmen sich auch die Beiträge des Themenschwerpunkts Anarchismus und Pädagogik. Das von Ulrich Klemm betreute Themenspecial mit Beiträgen von ihm selbst, Hans-Ulrich Grunder und Roy Danovitch greift die Tradition der libertären Pädagogik auf und zeigt – anhand historischer Beispiele und heutiger selbstorganisierter Projekte jenseits starrer Schulstrukturen –, wie herrschaftsfreie Lernräume entstehen können und was sie für eine Kultur der freien Entfaltung bedeuten. Die Beiträge machen deutlich, dass libertäre Pädagogik weniger eine didaktische Methode als eine Beziehungskunst ist: ein gemeinsames Lernen, getragen von Solidarität, Verantwortung und Freiheit.

Um eine solche Bildungspraxis zu ermöglichen, bedarf es neuer Organisationsformen, die auch über die Pädagogik hinaus traditionelle Hierarchien infrage stellen. Genau dies thematisiert Jochen Schmück in seinem Beitrag, in dem er das Leben und Werk des niederländischen Pädagogen und libertären Pazifisten Kees Boeke beleuchtet. Er zeigt, wie Boeke – geprägt von christlich-anarchistischen Ideen – mit der Werkplaats Kindergemeenschap ein Experiment gelebter Anarchie initiierte. Das dabei von ihm entwickelte libertäre Modell der Soziokratie konkretisiert Methoden der Selbstorganisation, die veranschaulichen, wie präfiguratives herrschaftsfreies Handeln bereits heute jene Beziehungen einüben kann, die in Zukunft die freie Gesellschaft tragen werden.

Die Frage nach einer im Alltag wirksamen anarchistischen Praxis stellt auch Rolf Raasch in seiner Untersuchung des Neoanarchismus zwischen 1965/68 und 1989/90. Er zeichnet nach, wie Hierarchiekritik, Dezentralität und radikale Demokratie „durch die Hintertür“ in die Neuen Sozialen Bewegungen gelangten und dort weniger als umfassende Theorie denn als alltägliche Praxis der Selbstbestimmung wirksam wurden. Anarchismus erscheint hier als Korrektiv gesellschaftlicher Verhältnisse – und als ständige Herausforderung, neue bürokratische Apparate zu vermeiden und lebbare libertäre Alternativen nicht zu vernachlässigen

Von politischen Bewegungen führt der Blick zu den persönlichsten Sphären unseres Zusammenlebens. Dass auch in ihnen anarchistische Impulse wirksam sind, zeigt Lena Rothwinkler in ihrem Beitrag über Beziehungsanarchie. Dabei geht es nicht um exzentrische Nischen, sondern um ein bewusstes Herauslösen aus dem normativen „Beziehungsrolltreppenkarussell“.

Das frei ausgehandelte, enthierarchisierte Miteinander, zu dem Beziehungsanarchie einlädt, beruht auf einer Ethik der Gegenseitigkeit, der Fürsorge, Sensibilität und Aufmerksamkeit.

Die Suche nach alternativen Lebensformen hat eine lange, widerständige Geschichte. Daran erinnert uns Kyrosch Alidusti in seinem Beitrag über Erich Mühsam. Für Mühsam waren Angehörige von Subkulturen – Boheme, Vagabunden, Landstreicher:innen, Huren, der „Fünfte Stand“ – nicht Randfiguren, sondern Pioniere einer kommenden Kultur. Ihre Not führe sie zur Erkenntnis, „dass eine frohe Welt erkämpft werden muss“. Mühsams solidarisches Interesse an ihren Lebensentwürfen knüpfte an den Siedlungsideen von Gustav Landauer an. Es zeigt, wie eng libertäre Traditionen mit marginalisierten Gemeinschaften verbunden sind.

Die Verflochtenheit von antikolonialem Widerstand und anarchistischem Denken führt uns der Beitrag von Gaya Makaran und Cassio Brancaleone vor Augen. Autonome indigene Gemeinschaften wurden von kolonialen und nationalen Eliten als „anarchisch“ diffamiert, gerade weil sie staatliche Ordnung und Kontrolle verweigerten. Makaran und Brancaleone heben hervor, dass Anarchismus in seinem Kern antikolonial und antirassistisch ist – ein radikaler Gegenentwurf zu Staat und Kapital. Ihr Ansatz skizziert ein konsequent dekolonisierendes Verständnis von Anarchismus, das starre identitäre Kategorien hinter sich lässt und alltägliche Praktiken der Autonomie jenseits staatlicher Vereinnahmung stärkt.

Abgerundet wird diese Ausgabe durch Buchempfehlungen zu aktuellen Neuerscheinungen und einen Filmtipp. Auch sie stehen auf je eigene Art für die Einsicht, dass eine humane und selbstbestimmte Zukunft nur durch den mentalen Gehalt der Hoffnung und durch unser gemeinsames Handeln in der Welt entstehen kann.

Wir wünschen unseren Leser:innen eine anregende Lektüre!
Die espero-Redaktion.

Editorial [7]

DER GAST-ESSAY:

Siegbert Wolf: Der Traum ist aus!? Dennoch alles tun, damit er Wirklichkeit wird – Ein Weckruf [11]

  • Literatur [Auswahl] [42]

THEMENSCHWERPUNKT: ANARCHISMUS UND PÄDAGOGIK

Ulrich Klemm: „Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?“ – Einleitung des Gastherausgebers [53]

Hans-Ulrich Grunder: Anarchistische Erziehung und das Ende der Utopie [61]

  • Problemhorizonte und Fragen [61]
  • Wie sind Erziehung und Unterricht, wie sind Bildungsprozesse zu denken? [62]
  • 1. Anarchistische Erziehung: Die Grundzüge [65]
  • 2. Pädagogische Theorie und alltägliche Praxis – Die vier Beispiele [73]
  • 3. Die verlorene Utopie – die gerettete Utopie? [90]
  • Verwendete Literatur [99]

Ulrich Klemm: Ist anarchistische Pädagogik sozialistisch? [103]

  • 1. Vorbemerkung [103]
  • 2. Kontextualisierung des Anarchismus im Horizont des Verhältnisses zu Marxismus und Sozialismus [104]
  • 3. Begriffsbestimmung von Anarchie und Anarchismus [108]
  • 4. Ferrer als anarchistischer Schulreformer im 20. Jahrhundert [110]
  • 5. Marxistische, kommunistische und sozialdemokratische Pädagogik-Konzepte [119]
  • 6. Anarchistische Pädagogik im sozialistischen Kontext [123]
  • 7. Fazit [127]
  • Literatur [128]

Ulrich Klemm: Lernen ohne Schule – Das Hupfauer-Projekt in Österreich. Besuch in einer libertären Lebens- und Lerngemeinschaft [137]

  • 1. Selbstbestimmtes Lernen im Aufbruch [137]
  • 2. Die Hupfauer – eine libertäre Lebens- und Lerngemeinschaft [138]
  • 3. Offenes Lernen [139]
  • 4. Wandel der Lernkultur als Prozess der Entschulung [142]
  • Literatur [144]

Roy Danovitch: Bildung im Grenzbereich: Pädagogik, Möglichkeiten und Politik in alternativen Räumen [147]

  • Reflexionen der Schüler:innen [151]
  • Dialog als Leitprinzip [152]
  • Kreative Begegnungen [154]
  • Ausblick [155]
  • Literatur [157]

BEITRÄGE ZU WEITEREN THEMEN

Jochen Schmück: Herrschaft? Nein danke! – Kees Boeke und das libertäre Organisationsmodell der Soziokratie [161]

  • Prolog [161]
  • 1. Ein christlicher Pazifist entdeckt den Anarchismus [164]
  • 2. Die Werkplaats Kindergemeenschap – ein Labor der Selbstorganisation [175]
  • 3. Das Organisationsmodell der Soziokratie im Spannungsfeld von Theorie und Praxis [190]
  • Epilog [202]
  • Literatur [212]

ANHANG:

Kees Boeke: Die Ordnung der Vernunft in der Gemeinschaft der Menschen (Mai 1945) [217]

Rolf Raasch: Neoanarchismus: politische Theorie oder individueller Lebensentwurf? [225]

  • Literatur [231]

Lena Rothwinkler: Beziehungsanarchie – Zwischen Utopie & Realität [233]

  • Einleitung [233]
  • 1. Beziehungsanarchie als Utopie [233]
  • 2. Beziehungsanarchie in der Realität [241]
  • 3. Beziehungsanarchie & Soziale Ungleichheit [246]
  • Schluss? [247]
  • Literatur & andere Quellen [249]

Kyrosch Alidusti: Der Bohemeanarchist – Mühsam und die Subkulturen [251]

  • Vorwort [251]
  • 1. Erich Mühsams Umgang mit seinen Sozialisationsinstanzen [256]
  • 2. Boheme und Anarchismus [261]
  • 3. Mühsam und der Fünfte Stand [265]
  • 4.  Drittes Flugblatt (Die Siedlung) und Die zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes    274]
  • 5. Wanderjahre [277]
  • Literatur [290]

Gaya Makaran und Cassio Brancaleone: Anarchismus, antikoloniale Praxis und die Debatte über die Dekolonialisierung [297]

  • Einleitung [297]
  • Anarcho-Indianismus, subalterne Nationen und die antikoloniale Praxis gegen den Staat [299]
  • Radikale Dekolonialisierung und die Ablehnung des Wesensprinzips [306]
  • Schlussbetrachtung [317]
  • Literatur [320]

BUCHEMPFEHLUNGEN UND EIN FILMTIPP [ 325]

Die Autor:innen dieser Ausgabe [352]

Diesen Artikel haben wir am 04.01.2026 in unseren Katalog aufgenommen.