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Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit; Bd.17

Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit; Bd.17
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Art.Nr.: 9783886634170
ISBN/EAN: 9783886634170
Verlag: Germinal
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Produktbeschreibung

Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit; Bd.17
Hrsg. von Wolfgang Braunschädel und Johannes Materna.

Bochum: Germinal Verlag, 2003. Broschur. 787 Seiten. ISBN 978-3886634170; Ladenpreis: 22, 00 € zzgl. Versandkostenaufpreis von 3,00 € (wegen Übergewicht kann das Buch nicht als preisgünstige Büchersendung geliefert werden).

Beschreibung:

Diese Ausgabe enthält u.a. Beiträge von Ernst Schneider (Icarus), Karl Plättner, Peter Kuckuck, Paul Mattick, Max Nomad, Birgit Schmidt, Hartmut Rübner, Francis Sho und Ettore Cinnella zu den folgenden und anderen Themen:

  • Die Wilhelmshafener Revolte 1918/19
  • Revolutionäre Gewerkschaftsopposition während der Weltwirtschaftskrise
  • Anarchismus und Elitentheorie
  • Kapitalismus ohne Kapitalisten
  • Jüdischer Anarchismus und jüdische Siedlungsgemeinschaften in den Vereinigten Staaten
  • Anarchismus in den USA
  • Machno in der Ukraine 1917-1921
  • Briefwechsel zwischen Nadja Strasser und Rudolf Rocker

Siehe auch die ausführliche Inhaltsbeschreibung unter "Inhalt" und im editorialen Vorwort unter "... und mehr".

Inhalt

  • Zu diesem Heft [13]
  • Peter Kuckuk : Vorwort zu Karl Plättners Broschüre "Der organisierte rote Schrecken!" [19]
  • Karl Plättner: Der organisierte rote Schrecken! Kommunistische Parade-Armeen oder organisierter Bandenkampf im Bürgerkrieg [29]
  • Joachim Tautz : Vorwort zu Ernst Schneiders Broschüre "Die Wilhelmshavener Revolte" [71]
  • Ernst Schneider (Icarus) : Die Wilhelmshavener Revolte. Ein Kapitel aus der revolutionären Bewegung in der deutschen Marine 1918/19 [75]
  • Hartmut Rübner: Interklub, Bordzelle, revolutionärer Seeleutestreik: Die "Revolutionäre Gewerkschaftsopposition" in der Seeschiffahrt während der Weltwirtschaftskrise [101]
  • Hartmut Rübner: Das Bordzellenbuch des Dampfers BOCKENHEIM [131]
  • Giovanni Borgognone: Max Nomad zwischen Anarchismus und Elitentheorie [151]
  • Giovanni Borgognone: Max Nomad Kapitalismus ohne Kapitalisten [171]
  • Paul Mattick:Diktatur der Intellektuellen? (Kritische Anmerkungen zu den Überlegungen von Max Nomad) [181]
  • Max Nomad: Die Herren von Morgen [203]
  • Paul Mattick: Max Nomads "Die Herren von Morgen" [225]
  • Antonio Donno: Anarchismus und amerikanische politische Tradition in den Vereinigten Staaten des neunzehnten Jahrhunderts [249]
  • Giuliana Iurlano: Theodore Schroeder und der Free Speech Fight im progressistischen Amerika [263]
  • Francis Shor: Jüdischer Anarchismus und jüdische Siedlungsgemeinschaften in den Vereinigten Staaten: Von Stelton nach Sunrise [301]
  • Ettore Cinnella: Machno in der ukrainischen Revolution von 1917 bis 1921 [311]
  • Philippe Bourrinet: Victor Serge: Totalitarismus und Staatskapitalismus. Sozialistische Dekonstruktion und kollektivistischer Humanismus [357]
  • Charles Jacquier: "Finstere Tage": Boris Souvarine und die Machtübernahme Hitlers [371]
  • Boris Souvarine: "Schreckliche Lektion": Artikel aus "Le Travailleur" [389]
  • Birgit Schmidt: Die Schwestern Ramm. Zum Briefwechsel zwischen Nadja Strasser und Rudolf Rocker [407]
  • Rüdiger Reinecke: Zeitgenössische Literatur über nationalsozialistische Konzentrationslager 1933 bis 1939. Ein Forschungsbericht [421]
  • Jacques Wajnsztejn: Teilbewegungen und ihre Folgen [461]
  • Eleftherios Carayannis: Studenten gegen Diktatoren. Autonomie und Widerstand in Griechenland 1972/73 [513]
  • Egon Günther: Der beredte Fund. Eine Anekdote [527]
  • Günther Gerstenberg: Bewegung, eingefroren. Die bayerische Revolution im Fernsehen [543]
  • [Anonym]: Die Frau als Anarchistin [565]
  • Rezensionen und Hinweise [571]

... und mehr

Zu diesem Heft:

Der Bürgerschreck ist des Bürgers liebstes Kind; seiner bedarf er, um zu sich selbst zu kommen und als guten Grund dafür, jene ökonomische und ideologische Ordnung aufrecht erhalten und je nach Umständen stabilisieren zu können, in der er seinen fetischistischen Regeln gemäß schalten und walten kann. Den Bürgerschreck gibt es in vielerlei Gestalt: in der des amüsanten und amüsierenden Narren, in der des verlorenen Sohnes - zu den Errungenschaften neuester Zeiten zählt zudem die verlorene Tochter -, der nach den einen oder anderen Eskapaden in die heimatlichen Gefilde zurückkehrt und dort wieder jene teilnahmsvolle Aufnahme findet, derer er sich zukünftig immer wieder aufs neue als würdig erweisen muß, aber auch in der Gestalt desjenigen, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat und infolgedessen zu liquidieren ist, sei es physisch, sei es, indem die Erinnerung an ihn zum Tabu wird - Aufgaben, die je nachdem von den Organen des staatlichen Gewaltmonopols oder den im Dienste des Staates engagierten Ideologen erledigt werden. Wenn Volker Ullrich in seiner Biographie des linksradikalen Aktivisten Karl Plättner, der in den frühen zwanziger Jahren im Kontext der damaligen sozialrevolutionären Auseinandersetzungen an führender Stelle an Enteignungsaktionen beteiligt war, dessen Schrift "Der organisierte rote Schrecken!" aus dem Jahre 1921 als "eins der leidenschaftlichsten, rasendsten Revolutionsmanifeste des 20. Jahrhunderts" bezeichnet, dann darf man daraus zum einen schließen, daß der Autor dieses Manifestes, der seinen Worten Taten vorausgehen und folgen ließ, nicht zu jenen wieder aufgenommenen verlorenen Söhnen zählt und muß sich zum anderen darüber wundern, daß dieses Manifest so gut wie niemandem, nicht einmal den professionellen Historikern oder sonstigen Ideologen des Systems bekannt ist. Dem abzuhelfen dient der von Peter Kuckuk mit einem den historischen und inhaltlichen Kontext erläuternden Vorwort versehene Nachdruck dieser damit aus den Grüften der Archive entlassenen Schrift, die einen Eindruck von den aufs äußerste radikalisierten Auseinandersetzungen in einer Zeit vermittelt, in der Kommunismus nicht nur ein Gespenst, sondern auch ein Kampfruf war.

In eben diese Zeiten führt auch der Text von Ernst Schneider über die "Wilhelmshavener Revolte" vom Januar 1919, an der er an führender Stelle beteiligt war. Schneider, in jungen Jahren Sozialdemokrat, hatte sich bereits vor den revolutionären Auseinandersetzungen der Nachkriegsjahre radikalisiert und war Zeit seines Lebens in linksradikalen Organisationen aktiv. Seinen hier erstmals in deutscher Übersetzung vorliegenden und von Joachim Tautz eingeleiteten Bericht über die Wilhelmshavener Ereignisse veröffentlichte er unter dem Pseudonym "Icarus" im Jahre 1943 in England, wo er seitdem mehrfach nachgedruckt worden ist, während er in der hiesigen Geschichtsschreibung allenfalls am Rande wahrgenommen wurde. Schneiders auf eigenem Erleben basierender Bericht verweist einmal mehr darauf, daß die sozialrevolutionären Ereignisse der Jahre nach 1918 von einer geschichtsphilosophisch determinierten Politik- und Geschichtswissenschaft zwar längst als eher dysfunktional auf dem mittlerweile auch in diesen Kreisen favorisierten deutschen "Weg in den Westen" beschrieben worden sind, daß aber gleichwohl eine an das Selbstverständnis der sich revolutionär definierenden Subjekte dieser Ereignisse anknüpfende sozialhistorische Forschung trotz einiger entsprechender Ansätze vor allem in den siebziger Jahren überfällig bleibt, auch wenn angesichts der akademischen Konjunkturen davon ausgegangen werden muß, daß dieses Thema in absehbarer Zeit wohl eher tabuisiert sein wird.

Zumindest in den größeren Kontext dieser Ereignisse gehört auch der Beitrag von Hartmut Rübner über die "Revolutionäre Gewerkschaftsopposition" in der Seeschiffahrt in der Zeit der Weltwährungskrise. Im Kontext der kommunistischen Gewerkschaftsarbeit in der Schiffahrt hatte sich bis in die Endphase der Weimarer Republik eine starke syndikalistische Strömung halten können, die sich nicht nur in der alltäglichen Organisationsarbeit, sondern auch in den Streiks der frühen dreißiger Jahren bemerkbar machte. Das von Rübner zusätzlich edierte Protokollbuch der Bordzelle des Dampfers BOCKENHEIM, das im wesentlichen einen Streik an der Jahreswende 1931/32 dokumentiert, vermittelt in diesem Zusammenhang einen authentischen Einblick in die Praxis einer kommunistischen Zelle auf einem Handelsschiff.

Neben dem eigentlichen Proletariat, das dem Marxschen Programm zufolge der Philosophie zur Verwirklichung helfen sollte, sind in den Arbeiterbewegungen auch zu Intelligenzlern mutierte Philosophen aktiv gewesen, die laut dem von Kautsky, Lenin und anderen Adepten bürgerlicher Aufklärungsphantasien verballhornten Programm dem Proletariat intellektuell auf die Sprünge helfen sollten. Gegenüber diesem Programm hat es seit jeher ein nicht unberechtigtes Mißtrauen gegeben, das insbesondere Michael Bakunin wortgewaltig vorzutragen wußte. Hierzulande völlig unbekannt sind sowohl der polnisch-russische Theoretiker Jan Waclaw Machajski, der im Anschluß an eine mehr als zehnjährige Verbannung nach Sibirien in den Jahren 1904/05 in Zürich unter dem Titel "Umstvennyi rabochii" ("Der geistige Arbeiter") ein dreiteiliges Werk veröffentlichte, in dem er sich äußerst kritisch mit der Rolle von Intellektuellen in der Arbeiterbewegung beschäftigte, als auch Max Nomad (Pseudonym von Max Nacht), der sich in der Tradition von Machajski ebenfalls immer wieder mit den vorgeblich arbeiterbewegten Aktivitäten von Intellektuellen auseinandersetzte. In Nomads Sicht, so kann man dem Beitrag von Giovanni Borgognone entnehmen, stellte sich spätestens angesichts des Übergangs des tradierten Privatkapitalismus in einen Staatskapitalismus, den Nomad in unterschiedlichen Formen sowohl in der Sowjetunion als auch im italienischen Faschismus und deutschen Nationalsozialismus, aber auch im us-amerikanischen New Deal sich verwirklichen sah, heraus, daß in diesem Kontext die Intelligenz, auch die sich revolutionär inszenierende Intelligenz der Arbeiterbewegung, zu einer neuen herrschenden Schicht mutiert; nicht die Emanzipation der eigentlichen Arbeiterklasse, sondern die Übernahme der entscheidenden Herrschaftspositionen in einer sich wandelnden kapitalistischen Gesellschaft war somit seit jeher das eigentliche Ziel des unter wechselnden ideologischen Vorzeichen sich drapierenden Engagements der bürgerlichen Intelligenzler und Intellektuellen.

Das sah Paul Mattick, der nicht dem Bürgertum entstammte und zu jenen autodidaktisch gebildeten Linksradikalen zählte, deren eigenständige Rolle in den diversen sozialrevolutionären Bewegungen insbesondere in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in der historischen Forschung bisher überhaupt noch nicht thematisiert worden ist und der zudem der kautskyanisch-leninistischen Tradition einer Apologetisierung der vorgeblich aufklärerischen Funktion der Intellektuellen im Kontext der Arbeiterbewegung sicherlich äußerst kritisch gegenüberstand, durchaus differenzierter. In einer Debatte mit Max Nomad, die an dessen Essay über "Kapitalismus ohne Kapitalisten" anschloß und in Matticks Zeitschrift "International Council Correspondence" geführt wurde, hielt er im Gegensatz zu Nomad an der Vorstellung fest, daß die in Räten sich selbst organisierenden Arbeiter in der Lage sein würden, die Intellektuellen, soweit diese die von Nomad thematisierten Ambitionen auf Installierung ihrer selbst als neue herrschende Schicht umzusetzen gedenken sollten, in Schacht zu halten und ihnen ihren Fähigkeiten entsprechende Funktionen in einer neuen Gesellschaft zuzuweisen.

Über die Differenzen zwischen dem eher auf individuelle Zuständigkeiten setzenden Kapitalismus angelsächsischer, insbesondere us-amerikanischer Prägung und dem diesbezüglich an Traditionen des Zunftwesens anknüpfenden, eher korporatistisch-staatlichen organisierten Kapitalismus europäischer, insbesondere deutscher Prägung und den damit einhergehenden Unterschieden zwischen der amerikanischen, wenig zentral organisierten, nichtsdestotrotz unter gegebenen Umständen aber schlagkräftigen Arbeiterbewegung und der in ihren abgehobensten Vorstellungen noch staatsfixierten Arbeiterbewegung deutscher Provenienz ist viel phantasiert und viel geschrieben worden. Auf dem Hintergrund solcherlei nicht nur mentaler Unterschiede, die auch mit den Unterschieden zwischen einem auf Gemeinden und kleinere Gemeinschaften orientierten Protestantismus calvinistischer Prägung und dem staatsorientierten Protestantismus preußisch-lutheranischer Provenienz, der seine weltliche Erfüllung in Gestalt der deutschen Sozialdemokratie gefunden hat, zu tun haben mögen, hat sich in den Vereinigten Staaten im Laufe des 19. Jahrhunderts auch eine Tradition des individualistischen Anarchismus herauskristallisiert, die sich unabhängig von dem eher subkulturellen Individualanarchismus in der Nachfolge von Max Stirner und - zumindest in früheren Zeiten - Friedrich Nietzsche entwickelt hat. Noch die heutigen anarchokapitalistischen "Libertarians" mit ihrem mittlerweile verstorbenen Cheftheoretiker Murray Rothbard, die auch hierzulande ihre Anhängerschaft gefunden haben, stehen in dieser Tradition eines spezifisch us-amerikanischen Individualanarchismus, mit dessen Herkunft und Begründungszusammenhängen sich Antonio Donno in seinem Beitrag beschäftigt. Es handelt sich dabei um eine Variante von libertärem Anarchismus, die sich explizit in den Traditionen des klassischen Liberalismus verortet und in ihrer grundsätzlichen Ablehnung staatlicher Interventionen gleich welcher Art durchaus auch hier und da Annäherungen an konservative Positionen zeigt, während sie sich ebenso grundsätzlich von der paradoxen Staatsfixierung des traditionellen Sozialismus und Kommunismus unterscheidet, die den jeweils konkreten Staat ablehnen, um an seiner Stelle einen neuen, d.h. einen mit neuem Personal besetzten zu installieren.

Diese zutiefst im klassischen Liberalismus verwurzelten individualistischen Traditionen haben ein politisches und kulturelles Klima geschaffen, in dem mancherlei Radikalismen und Radikale gedeihen konnten, die andernorts, dort, wo auch Radikalismus noch sich seriös zu inszenieren wußte und weiß, möglicherweise auf Unbehagen und leicht pikierte Abwehr gestoßen wären. Giuliana Iurlano stellt in ihrem Beitrag über Theodore Schroeder einen originellen Radikalindividualisten vor, der sich Zeit seines Lebens gegen die politisch oder sozial begründete Unterdrückung jedweder individuellen Rechte und als Mitbegründer der 1911 ins Leben gerufenen "Free Speech League" für die in der us-amerikanischen Verfassung verankerte absolute "freedom of speech" einsetzte und infolgedessen mit den puritanischen Exzessen einer bigotten, auf materiellen Erfolg und entsprechende ideologische Begründungen orientierten Gesellschaft im besten Sinne auf Kriegsfuß stand.

Zu den Besonderheiten der us-amerikanischen Arbeiterbewegung gehören zweifellos auch die analog zur ethnisch differenzierten Einwanderungsgeschichte sich in vielen Arbeiterorganisationen widerspiegelnden ethnischen Spaltungen, die wiederum ihren Ausdruck in entsprechenden Netzwerken fanden und auch heute noch finden. In seinem Beitrag über die beiden jüdischen anarchistischen Siedlungsgemeinschaften Stelton und Sunrise stellt Francis Shor zwei Beispiele gegenkultureller Gemeinschaftsprojekte vor, die, da deren Protagonist(inn)en ihre politische und soziale Prägung noch vielfach in ihren durchweg osteuropäischen Ursprungsgesellschaften erfahren hatten, insofern auch Ausdruck einer noch nicht voll in die neue Gesellschaft integrierten oder gar assimilierten Immigrationsbewegung waren; ihr schließliches Scheitern kann von daher auch als Zeichen einer gelingenden Integration in die Gesellschaft gelesen werden, was wiederum dem politischen und sozialen Engagement derjenigen, die an ihren politischen und sozialen Zielen festhielten, neue Wege weisen konnte.

Nestor Machno gehört zu jenen Figuren des Anarchismus, deren reale historische Existenz in der Erinnerung vielfach hinter den tradierten Mythen verschwindet. Ettore Cinnella rekonstruiert in seinem Beitrag Leben und Wirken Machnos und insbesondere die Geschichte der machnovšcina, Machnos ukrainischer Bauernbewegung, in den Jahren von 1917 bis 1921, wobei er auch auf Texte und Dokumente zurückgreifen konnte, die erst in den neunziger Jahren nach der Öffnung entsprechender Archive zugänglich geworden sind. Dabei kristallisiert sich das Bild eines sozialrevolutionären Rebellen heraus, der mit seiner Bewegung in wechselnden Bündnissen in die Kämpfe um eine soziale und politische Befreiung und die damit verbundenen Bürgerkriegswirren involviert war. Sein Bündnis mit den Bolschewiki wurde ihm von diesen nicht gedankt; nach ihrem Sieg im Bürgerkrieg zerschlugen sie die Bauernbewegung und forderten von der Regierung Rumäniens, wohin Machno im August 1921 geflüchtet war, die allerdings verweigerte Auslieferung des "notorischen Banditen Machno".

Victor Serge, in seinen als Sohn russischer Emigranten in Belgien und Frankreich verlebten Jugendjahren Anarchist, war 1919 nach Rußland zurückgekehrt und hatte sich dort den Bolschewiki angeschlossen. Ende der zwanziger Jahre zählte er zur trotzkistischen Opposition; nach seiner Verhaftung wurde er Mitte der dreißiger Jahre nach erheblichen Protesten insbesondere in Frankreich aus der Deportation entlassen. Es waren nicht zuletzt seine eigenen bitteren Erfahrungen mit dem bolschewistischen Herrschaftssystem, die ihn, wie Philippe Bourrinet in seinem Beitrag nachzeichnet, zu einer intensiven Beschäftigung mit dem Charakter dieses Systems veranlaßten. Serge gehörte zu jenen, die schon früh der These Trotzkis, die Sowjetunion sei ein degenerierter Arbeiterstaat, widersprachen; bereits 1933 bezeichnete er die Sowjetunion als einen "totalitären Staat" und in den nach seiner Befreiung veröffentlichten Analysen lieferte er zahlreiche konkrete Anhaltspunkte für eine grundlegende Kritik des sowjetischen Systems, ohne daß sich diese kritischen Annotationen jedoch zu einer theoretisch fundierten Gesamteinschätzung verdichteten.

Boris Souvarine ist hierzulande allenfalls durch seine in den siebziger Jahren übersetzte umfangreiche Stalin-Biographie bekannt geworden; wenig jedoch ist bekannt über sein probolschewistisches Engagement, über seine frühe Kritik am sich herauskristallisierenden stalinistischen System und insbesondere über seine publizistischen und praktischen Aktivitäten in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren, jener Phase seines Lebens also, die Charles Jacquier in seinem Beitrag über Souvarine vorstellt. Dabei geht er insbesondere auf jene im Anschluß an seinen Beitrag abgedruckten Artikel ein, die Boris Souvarine von Frühjahr bis Herbst 1933 in der Zeitung "Le Travailleur" veröffentlichte und in denen er sich auf dem Hintergrund des Versagens sowohl der Sozialdemokraten als auch der Kommunisten mit der Etablierung des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland auseinandersetzte.

In ihrem Beitrag über Alexandra, Maria und Nadja Ramm rekonstruiert Birgit Schmidt, so weit dies die zugänglichen Quellen zulassen, Leben und Aktivitäten dieser drei Schwestern, von denen heute nur noch Alexandra Ramm als Frau und langjährige Mitarbeiterin Franz Pfemferts und Maria Ramm als Frau des Schriftstellers und Kunstkritikers Carl Einstein zumindest in interessierten Kreisen bekannt sind, während Nadja Ramm, die unter ihrem neuen Namen Strasser nicht nur Beiträge in Zeitschriften, sondern auch Bücher veröffentlichte, heute vergessen ist. Alle drei waren über Jahre und Jahrzehnte hinweg, nicht zuletzt als Übersetzerinnen, in Berlin tätig, ehe zwei - Alexandra und Nadja - emigrieren mußten; nach der Befreiung vom Nationalsozialismus trafen sie sich unter völlig gewandelten Umständen in Berlin wieder.

Im Zentrum der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus steht aus gutem Grund das deutsche Projekt Auschwitz. Weniger thematisiert wird die Tatsache, daß die Nationalsozialisten unmittelbar nach der Machtübernahme mit der Errichtung von Konzentrationslagern begannen, in denen zu dieser Zeit noch vorwiegend politische Gegner, zunehmend aber auch, z.B. im Rahmen der "Aktion Arbeitsscheu Reich", sogenannte "Asoziale" und schließlich, insbesondere im Kontext der Pogrome vom Herbst 1938, auch Juden gefangengehalten wurden. Rüdiger Reinecke gibt in seinem Beitrag einen Überblick über diese Entwicklung, wobei er insbesondere zeitgenössische Literatur über nationalsozialistische Konzentrationslager berücksichtigt, die in einem Anhang in einer Bibliographie zusammenfassend aufgelistet wird.

Über die Transformationen des scheinbar revolutionären Aufbruchs von 1968 ist viel geschrieben und gerätselt worden, wobei zu den rätselhafteren Spekulationen sicherlich jene gehören, die angesichts der einen oder anderen gelungenen Karriere über einen nachhaltigen Erfolg des damaligen Aufbruchs spekulieren. Jenseits solcherlei Erfolgsgeschichten hat sich im Anschluß an die Ernüchterung über die seinerzeit zusammenphantasierten revolutionären Potentiale des Proletariats seit den siebziger Jahren ein vielfältiges Spektrum von teils ernst zu nehmenden, teils aber auch obskuren Teilbewegungen herauskristallisiert, mit deren Inhalten und Auswirkungen sich Jacques Wajnsztejn in seinem Beitrag auseinandersetzt. Einmal abgesehen davon, daß Protagonist(inn)en solcher Teilbewegungen durch mancherlei theoretische und praktische Eskapaden auf sich aufmerksam zu machen wissen, gegen die sich mit Genuß polemisieren läßt, verweist Wajnsztejn darauf, daß diese Teilbewegungen auch Ausdruck sich wandelnder sozialer Herrschaftsstrukturen sind, denen man mit einem Rekurs auf neue Subjektivitäten und einer Apologie besonderer Lebensweisen glaubt begegnen zu können.

In der gegenwärtigen Euphorie über ein neues vereinigtes Europa wird vielfach vergessen, daß vor nicht allzu langer Zeit in einigen südeuropäischen Staaten - Spanien, Portugal, Griechenland - noch Regime an der Macht waren, die man seinerzeit gemeinhin als faschistisch bezeichnete. Eleftherios Carayannis erinnert in seinem Beitrag an die griechische Militärdiktatur der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, wobei er den von Studenten ausgehenden Aufstand gegen diese Diktatur vom November 1973 in den Kontext damaliger, auf rätekommunistische und operaistische Theorien und Traditionen rekurrierende Debatten stellt.

Ein Zufallsfund - eine alte Zigarettenschachtel mit einer Abbildung der drei Pfeile der "Eisernen Front" und einem darin enthaltenen Sammelbild der Serie "Vorkämpfer des Sozialismus", das Michael Bakunin zeigt - veranlaßt Egon Günther zu einer kurzen Reise in jene Vergangenheit, in der Carlo Mierendorff, ein dem rechten Spektrum der Partei zuzuordnender Sozialdemokrat, zusammen mit dem russischen Emigranten Sergej Tschachotin unter dem Motto "Freiheitspfeile vs. Hakenkreuz" einen tatsächlich eher symbolischen und - trotz aller nationalistischen Anbiederungen - wenig erfolgreichen Abwehrkampf gegen die Nationalsozialisten führte.

Moderne Medien, insbesondere die visuellen Medien wie Film und Fernsehen, lassen sich durchaus als Geschichtsvernichtungsmaschinen beschreiben. Wenn geschichtliche Ereignisse in solchen Medien auf- und insbesondere zubereitet werden, ist - jenseits aller bewußten Fälschungsabsichten - immer Vorsicht geboten; das gilt auch, wenn das Bayerische Fernsehen die bayerischen revolutionären Ereignisse der Jahre 1918/19 zeitgemäß medial aufbereitet. Günther Gerstenberg verweist in seiner detaillierten Analyse der zweiteiligen Fernsehsendung auf zahlreiche falsche oder ungenaue Angaben und Zuschreibungen, so daß am Ende nicht nur trotz aller vorgeblich objektiven Darstellung ein politisch genehmes Bild der Ereignisse konstruiert wird, sondern insbesondere der Zuschauer so dirigiert wird, daß er, wenn er nicht gerade Spezialkenntnisse vorweisen kann, sich außerstande sieht, die historischen Zusammenhänge jenseits der medialen Vorgaben im Blick zu behalten.

Der letzte Beitrag eines anonymen Schreibers - Die Frau als Anarchistin - will nicht mehr dokumentieren als eine Bewußtseinslage, die nicht nur seinerzeit für den materiell und ideologisch saturierten Bürger - gleich ob Groß- oder Kleinbürger - in einer schwerindustriell geprägten Kleinstadt typisch war, sondern unter zeitgemäß veränderten Beigaben auch heute noch aktuell ist.

Hinzuweisen bleibt zum guten Schluß darauf, daß Dieter Host in bewährter und souveräner Manier immer dann in den Fertigungsprozeß des ARCHIVs einzugreifen wußte, wenn die Redakteure trotz aller Anstrengungen wieder einmal an den Klippen des für sie schon längst nicht mehr durchschaubaren computertechnologischen Fortschritts zu scheitern drohten. Gänzlich der Melancholie verfallen, hätten sie es liebend gerne mit Kinky Friedman gehalten, der keinen Computer anrührt, weil er "wie der Unabomber überzeugt (ist), dass er einem mit jeder Berührung ein Stück Seele raubt und die Möglichkeit steigert, dass man in Paris, Texas, Mr. Kinkys Kosmetikstudio eröffnet".