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Über Anarchismus

Über Anarchismus
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ISBN: 978-3-939045-42-7
GTIN/EAN: 9783939045427
Verlage: Graswurzelrevolution
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17,90 EUR
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Über Anarchismus
Beiträge aus vier Jahrzehnten

Von Noam Chomsky

Nettersheim: Verlag Graswurzelrevolution, 2020. Kartoniert, 246. ISBN: 978-3939045427.

Beschreibung:

Noam Chomsky (geb. 1928) ist einer der bekanntesten und einflussreichsten Intellektuellen unserer Zeit. Seit frühester Jugend beschäftigt er sich mit dem Anarchismus und bekannte sich stets zu libertären Idealen als Teil seiner gesellschaftspolitischen Ziele. Dieser Band versammelt zentrale Vorträge, Interviews und Essays aus Chomskys jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit der anarchistischen Tradition, die gleichzeitig immer auch Beiträge zu aktuellen politischen Diskussionen gewesen sind.

Es geht dabei u.a. um eine Verankerung des libertären Denkens in der Aufklärung, um eine Entgegensetzung von klassischem Liberalismus und spätkapitalistischem Liberalismus, um den Zusammenhang von Sprache und Freiheit und um eine Verteidigung der Kollektivierungen in der spanischen Revolution sowie sozialstaatlicher Errungenschaften. Die Texte zeigen, dass der Anarchismus für Chomsky eine universelle Geisteshaltung ist, die für alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens Bedeutung besitzt.

„Sobald jemand illegitime Macht erkennt, herausfordert und überwindet, ist er Anarchist. Die meisten Menschen sind Anarchisten. Mir ist egal, wie sie sich nennen.“
(Noam Chomsky)

Vorwort
Der Anarchist Noam Chomsky von Rainer Barbey

  1. Wie wird man Anarchist? Gespräch mit Peter Jay
  2. Auszüge aus „Eine Anatomie der Macht“
  3. Anmerkungen zum Anarchismus
  4. Sprache und Freiheit
  5. Objektivität und liberale Wissenschaft (Abschnitt II)
  6. Vorwort zur „Antologija Anarhizma“
  7. Ziele und Visionen
  8. Anmerkungen des Übersetzers

Personenregister

Vorwort

Der Anarchist Noam Chomsky

Noam Chomsky hat einmal in einer bekannten, auch in diesem Band wiedergegebenen Fernsehdiskussion mit Peter Jay aus dem Jahre 1976 behauptet, nur „ein epigonaler Trittbrettfahrer“ (S. 20) der anarchistischen Bewegung zu sein, eine Person also, die zwar mit libertären Idealen sympathisiere, aber keinen eigenständigen theoretischen Beitrag zum Anarchismus beigesteuert habe. In der Tat hat Chomsky die meisten Bestandteile seiner anarchistischen Gesellschaftsphilosophie aus bereits vorhandenen Theorieansätzen entlehnt, gelegentlich findet die Rezeption libertärer Quellen sogar nur über den Umweg von Sekundärliteratur oder anhand von einschlägigen Anthologien statt. Dies hängt aber zu einem Großteil sicherlich mit der Tatsache zusammen, dass die eigentlichen Innovationsleistungen von Chomsky allem Universalismus zum Trotz im Wesentlichen wohl doch auf dem Gebiet seiner linguistischen Forschungen zu suchen sind und er sich selbst außerdem nie als Theoretiker, sondern immer als empirischen, an „kartesianischem Common Sense“ (1) orientierten Analytiker der gegebenen Verhältnisse verstanden hat. Insofern ist es nur folgerichtig, wenn Chomsky selbst seine politischen Visionen als vergleichsweise konventionell, als „recht traditionell anarchistisch, mit Ursprüngen in der Aufklärung und dem klassischen Liberalismus“ (S. 188), beschreibt, auch wenn ein Anflug von koketter Bescheidenheit und der polemische Unterstrom in dieser Äußerung nicht zu übersehen sind. Die Vokabel „anarchistisch“ mit Tradition, Aufklärung und klassischem Liberalismus in Verbindung zu bringen, und sei es auch nur in Gestalt einer sehr persönlichen Verortung der eigenen Ansichten, ist für viele gängige Vorurteile über den Anarchismus sicherlich eine Herausforderung. Doch Chomsky geht noch einen Schritt weiter: Nicht nur in der Genese seines persönlichen Denkens, auch in einer übergeordneten, ideengeschichtlichen Perspektive ist der libertäre Sozialismus für ihn der legitime Erbe, Nachfolger und Bewahrer der aufklärerischen, bis heute unverwirklichten Ideale des 18. Jahrhunderts – denn zeitgleich mit der Entstehung der modernen kapitalistischen Ökonomie im beginnenden 19. Jahrhundert wurden die Vorstellungen des klassischen Liberalismus aus seiner Sicht „zu einer Ideologie zum Zwecke des Erhalts der neu entstehenden Gesellschaftsordnung pervertiert“ (S. 69). Während etwa Adam Smith mit seiner Betonung von Freiheit in Gleichheit, der Warnung vor den negativen Folgen der Arbeitsteilung sowie der Gier der Herrschenden und nicht zuletzt mit seiner Verurteilung des europäischen Kolonialismus von Chomsky noch als ein Vorläufer des Anarchismus angesehen wird, haben sich spätere Liberale wie David Ricardo oder Thomas Malthus zu bedingungslosen Apologeten der „zerstörerischen und unmenschlichen Kräfte des freien Marktes“ gemacht. Von seinen frühesten politischen Schriften an, genauer gesagt: bereits in Objektivität und liberale Wissenschaft, seiner ersten selbstständigen, 1969 erschienenen Publikation als engagierter Intellektueller, die auszugsweise auch in diesem Buch enthalten ist, hat sich Noam Chomsky immer wieder als ein erbarmungsloser Kritiker des modernen Liberalismus hervorgetan. Dies betrifft zum einen natürlich den liberalen Imperialismus bzw. Interventionismus der US-amerikanischen Außenpolitik (2), daneben machte er aber auch beständig auf den blinden Fleck im vorgeblichen Freiheitsdenken heutiger Liberaler aufmerksam: die „Formen der privaten Tyrannei“ innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. In ihr existieren, nicht zuletzt dank der beständig zunehmenden Konzentration von ökonomischer Macht in den Händen weniger, hierarchische Kommandostrukturen „von einer Art, die wir im politischen Bereich faschistisch nennen würden“. (3) Indem er die Rede von der Freiheit beim Wort nimmt, wendet Chomsky die liberale Totalitarismustheorie in letzter Konsequenz also gegen sich selbst: Nicht nur Faschismus und Kommunismus, auch ein ungezügelter Kapitalismus, ja schlussendlich der zeitgenössische Liberalismus selbst sind totalitäre Systeme. Um dies zu verdeutlichen, verweist der Autor in Objektivität und liberale Wissenschaft unter anderem auf die anti-anarchistische, „liberal-kommunistische Koalition“ (S. 149) im Spanischen Bürgerkrieg und das elitäre Selbstverständnis, das den liberalen Intellektuellen und den revolutionären Avantgardisten leninistischer Prägung in ihrem opportunistischen Pakt mit der Macht gleichermaßen eigen ist. Als weiteres, extremes Beispiel eines marktradikal entarteten Liberalismus könnten in dieser Logik schließlich die vor allem in den Vereinigten Staaten beheimateten Libertaristen gelten, deren Ideologie man durchaus treffend mit dem Wort „Anarchokapitalismus“ zu charakterisieren versucht hat und von denen sich Chomsky wiederholt klar abgrenzt; denn, so betont er, „wenn man einmal nachliest, welche Welt sie beschreiben, dann ist das eine Welt so voller Hass, dass kein menschliches Wesen in ihr leben möchte“ (S. 49). Ob die libertaristische Schule, wie Chomksy weiter behauptet, tatsächlich „nicht wirklich ernst zu nehmen“ ist (ebd.), mag allerdings füglich bezweifelt werden. Zu einflussreich war und ist ihr Denken in den USA, und dies bis in die höchsten Kreise der dortigen politischen und ökonomischen Eliten hinein.

Nachdem das radikalhumanistische Element im Liberalismus nach 1800 in seiner Fixierung auf die Freiheit des Marktes weitgehend verlorengegangen ist, gilt für Chomsky in Abwandlung eines berühmten Ausspruchs von Adolph Fischer erst recht: „Der konsequente Anarchist sollte also ein Sozialist sein, aber ein Sozialist besonderer Art“ (S. 73). Das wesentliche Charakteristikum eines solchen libertären Sozialismus, bei dem er sich vor allem auf Rudolf Rocker, aber auch wiederholt auf die Linksozialistin Rosa Luxemburg und den Rätekommunisten Anton Pannekoek beruft, dürfte für Chomsky in erster Linie eine konsequente Kritik hierarchischer und autoritärer Strukturen sein. Diese werden von ihm nicht per se abgelehnt, aber jede Form von Herrschaft hat sich einer strengen Prüfung zu unterziehen. Wer „behauptet, seine Autorität sei legitim, steht immer in der Pflicht, dies zu begründen. Und wenn man dies nicht begründen kann, handelt es sich um unrechtmäßige Autorität, die zerstört werden sollte. Um die Wahrheit zu sagen: Viel mehr verstehe ich eigentlich nicht unter Anarchismus“ (S. 51). Ein solches Verständnis von Anarchismus mag auf den ersten Blick reduktionistisch anmuten, doch besitzt es Relevanz für fast jeden Bereich des Lebens, es ist mithin universell anwendbar: Die Fragen der Autoritäts- und Hierarchiekritik „stellen sich so gut wie auf allen Gebieten: in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern, Männern und Frauen, den heute Lebenden und den zukünftigen Generationen, die gezwungen sein werden, mit den Folgen von dem, was wir tun, zu leben, tatsächlich so ziemlich überall“ (S. 191). (4)

Chomskys tiefes Misstrauen gegen Machtkonstellationen jeglicher Art äußert sich hauptsächlich in seinem ureigenen Feld, der Welt der Intellektuellen und Wissenschaftler. Häufig (und auch im hier vorliegenden Band) beruft er sich in diesem Zusammenhang auf Bakunins Invektive gegen „eine neue Hierarchie von wirklichen und eingebildeten Gelehrten“, „die Herrschaft der wissenschaftlichen Intelligenz“, „die aristokratischste, despotischste, arroganteste und herablassendste aller Herrschaftsformen“. (5) In dieser Perspektive verfallen vor allem die zeitgenössischen Gesellschaftswissenschaften dem Chomsky’schen Verdikt. In ihnen, z.B. der Soziologie, der Politikwissenschaft oder der Volkswirtschaftslehre, sieht er nicht viel mehr als konformistische Ideologieproduktion zur wissenschaftlichen Verbrämung des Status quo; analog erscheinen ihm die modernen, zumeist universitär ausgebildeten Intellektuellen als säkulare Priesterkaste, die die Interessen der Reichsten, der Mächtigsten in der Gesellschaft im Verbund eines „militärisch-akademisch-industriellen Komplexes“ (6) geistig stützt. Die Ablehnung von angemaßter Expertenautorität und technokratischer Elitenherrschaft, von Führerprinzip und Personenkult macht dabei selbst vor der eigenen Person nicht Halt. Während einer Diskussion mit Aktivisten antwortete Chomsky auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten zu kandidieren: „Jedem, der Präsident werden möchte, sollten Sie sofort sagen: ,Diesem Typen möchte ich nicht weiter zuhören.‘“ (7)

Welche Verbindung existiert zwischen dem Sprachwissenschaftler und dem politischen Aktivisten Noam Chomsky? Diese Frage ist oft gestellt worden. Chomsky hat auf sie stets verhalten reagiert und einen direkten Zusammenhang zwischen seiner linguistischen Forschung und seinen anarchistischen Überzeugungen immer wieder verneint. Dennoch ist es unbestreitbar, dass diese beiden geistigen Welten nicht unverbunden nebeneinander her existieren. Als Rollenmodell für Chomsky in dieser Hinsicht ist sicherlich Wilhelm von Humboldt anzusehen, gleichfalls ein bedeutender Sprachforscher und politisch engagierter Intellektueller in einem (und aus der Sicht Chomskys ein weiterer Vorläufer anarchistischen Denkens). Was der US-amerikanische Linguist über seinen Fachkollegen aus dem Zeitalter der deutschen Romantik zu sagen hat, liest sich teilweise wie ein verstecktes Selbstporträt: „Obwohl er seine Gedanken über die Sprache meines Wissens nicht explizit mit seiner libertären Gesellschaftsphilosophie in Beziehung setzt, ist es ziemlich offensichtlich, dass eine gemeinsame Grundlage existiert, auf der sie entstanden sind, ein Begriff von der menschlichen Natur, der beide inspiriert hat“ (S. 97). In der Tat treffen sich auch bei Chomsky Anarchismus und Sprachwissenschaft in einer bestimmten Auffassung vom Wesen des Menschen. Diesen komplexen, vielschichtigen Zusammenhang erläutert Chomsky in einem Interview mit der New Left Review von 1969 folgendermaßen: „Ich will es so sagen: Die politischen Vorstellungen eines jeden wie auch seine Vorstellungen von gesellschaftlicher Organisation müssen letztlich in irgendeinem Konzept der menschlichen Natur und der menschlichen Bedürfnisse wurzeln. Nun habe ich das Gefühl, daß die wichtigste menschliche Fähigkeit, die Fähigkeit zu und der Wunsch nach kreativer Selbstäußerung, nach freier Kontrolle aller Aspekte unseres Lebens und Denkens ist. Eine besonders entscheidende Verwirklichung dieser Fähigkeit ist der kreative Sprachgebrauch als freies Werkzeug des Denkens und des Ausdrucks. Wenn man so über die menschliche Natur und die menschlichen Bedürfnisse denkt, versucht man, Formen gesellschaftlicher Organisationen zu konzipieren, die die freieste und vollständigste Entwicklung des Einzelnen, der Möglichkeiten jedes Einzelnen, in welche Richtung es auch sei, erlauben würden; die es ihm erlauben würden, ganz Mensch zu sein in dem Sinn, daß er den größtmöglichen Spielraum für seine Freiheit und Initiative hat.“ (8)

Aus der unter anderem mit Humboldts Bildungsideal und Bakunins libertärer Anthropologie unterfütterten Grundannahme, dass jedem Menschen das Bedürfnis nach kreativer Tätigkeit und ein angeborenes Streben nach Freiheit innewohnt, (9) wird die Hypothese abgeleitet, dass ein anarchistisches Gesellschaftssystem der Natur des Menschen am ehesten entspricht. Folgerichtig wird eines der wesentlichen Ziele des politischen Anarchismus von Chomsky dann auch hauptsächlich in der Opposition gegen die entfremdete Arbeit unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen gesehen: „Ein konsequenter Anarchist muss das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Lohnsklaverei, die ein Bestandteil dieses Systems ist, als unvereinbar mit dem Grundsatz ablehnen, dass Arbeit aus freien Stücken übernommen werden und unter der Kontrolle der Produzenten stehen soll“ (S. 70). Noch aber wissen wir laut Chomsky über die menschliche Natur zu wenig, um zu gesicherten Aussagen über ein ideales Gesellschaftssystem zu gelangen. Der Linguistik mit ihrer Untersuchung von Sprache und Geist kommt bei der Erforschung der Grundkonstanten im Wesen des Menschen aus seiner Sicht jedoch eine entscheidende Rolle zu.

In diesem Sinne trägt Chomskys politische Vision auch die Züge einer Wissenschaftsutopie. „Denkbar wäre, dass wir auf diese Weise eine Gesellschaftswissenschaft entwickeln können, die auf empirisch wohlbegründeten Aussagen über die menschliche Natur beruht“ (S. 106) – eine Gesellschaftswissenschaft, die dann wiederum den Weg weisen könnte, wie sich eine vollkommene Form menschlichen Zusammenlebens erreichen ließe.

Da unsere Erkenntnisse über die bestimmenden Charaktereigenschaften des Menschen nach wie vor unzulänglich sind, (10) ist Chomsky mit konkreten Handlungsanweisungen für die politische Praxis stets äußerst zurückhaltend gewesen. Er besitzt eine „entschiedene Abneigung gegen Aktivismus“ (11) und voluntaristische Aktionen, einen detailliert ausgearbeiteten Gesellschaftsentwurf hat er nicht vorgelegt. Vielmehr plädiert er für eine Politik der kleinen Schritte, die sich anhand bestimmter Parameter, wie etwa der Arbeiterkontrolle, dem gewünschten Gesellschaftsziel im Wechselspiel von „Spekulieren und Handeln“ (S. 107) experimentell annähert. „Tatsächlich habe ich eine ziemlich konservative Einstellung gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen: Da wir es mit komplexen Systemen zu tun haben, die niemand so richtig versteht, ist meiner Meinung nach ein sinnvolles Vorgehen, Veränderungen durchzuführen und sich dann deren Folgen anzusehen – und wenn diese Veränderungen funktionieren, werden weitere durchgeführt. Das gilt eigentlich für jeden Bereich“ (S. 51). Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass Chomsky bezüglich der Erfolge der Anarchosyndikalisten im revolutionären Barcelona der 1930er-Jahre hervorhebt, dass sie „auf geduldiger, langjähriger Organisations- und Bildungsarbeit“ beruhten, die „spontane revolutionäre Aktionen“ überhaupt erst ermöglichten (S. 76). Noam Chomsky ist also insgesamt gesehen ein überzeugter Reformist, aber: „Reformen können ziemlich revolutionär sein, wenn sie in eine bestimmte Richtung führen“ (S. 50).

Dennoch sind es Äußerungen wie diese, die Chomsky von anarchistischer Seite den Vorwurf eingetragen haben, eher ein Sozialdemokrat mit libertären Neigungen denn genuiner Anarchist zu sein, wozu stärker noch als seine Parteimitgliedschaft bei den Democratic Socialists of America seine mehrfach unternommene Verteidigung staatlicher Regulierung angesichts globalisierter Wirtschaftsmacht und fortschreitender Naturzerstörung beigetragen haben dürfte. Sein Plädoyer für den Erhalt sozialstaatlicher Strukturen oder einen umweltpolitisch motivierten Etatismus gehorcht jedoch auch hier wieder ganz pragmatischen, an den Forderungen des Tages und dem momentan Machbaren orientierten Abwägungen. Zugleich verneint Chomsky, dass „der bürokratisierte, zentralisierte Wohlfahrtsstaat ein akzeptables Ziel der menschlichen Existenz“ (S. 104) ist, und hält weiterhin an der Einsicht fest, dass „die Kontrolle der Produktion durch eine staatliche Bürokratie, wie wohlwollend ihre Absichten auch immer sein mögen, nicht die Bedingungen“ zu schaffen vermag, „unter denen die Arbeit, sei es körperliche oder geistige, das höchste Bedürfnis im Leben werden kann“ (S. 72). Die anarchistische Utopie, die Überwindung des Staates, wird daher nicht aufgegeben, sie soll nur in Gestalt eines allmählichen, von taktischer Reflexion über das Mögliche und Opportune geprägten Transformationsprozesses anvisiert werden. „Ich glaube“, erklärt Chomsky dementsprechend in einem, dieses Buch beschließenden Vortrag mit dem programmatischen Titel Ziele und Visionen, „in der heutigen Welt sollte es das Ziel eines engagierten Anarchisten sein, einige staatliche Institutionen gegen die auf sie gerichteten Angriffe zu verteidigen und dabei gleichzeitig zu versuchen, sie einer sinnvolleren Beteiligung der Öffentlichkeit zu erschließen – und sie letztendlich in einer weitaus freieren Gesellschaft abzubauen, wenn die entsprechenden Bedingungen dafür geschaffen werden können“ (S. 72).

Das alles heißt freilich nicht, dass es gegen Chomsky aus einer modernen libertären Perspektive heraus keine legitimen Einwände gäbe. Seine in den 1970er-Jahren geäußerte Hoffnung auf den technischen Fortschritt, der die Menschen schrittweise von unangenehmen Arbeiten entlasten könnte, oder die dezentralisierende, freiheitliche Tendenz neuer Formen der Datenverarbeitung und der Kommunikation (12) wirken von heute aus gesehen vielleicht etwas naiv. Ebenso mutet das älteren anarchosyndikalistischen bzw. rätekommunistischen Vorstellungen entlehnte Ideal, libertäre Verwaltungsformen „nach industriellem Vorbild“ (S. 25) zu organisieren bzw. eine „industrielle Organisation der Gesellschaft“ (S. 75) anzustreben, ein wenig technokratisch und in Zeiten postfordistischer Massenarbeitslosigkeit anachronistisch an. Nicht umsonst ist in diesem Zusammenhang auch Chomskys Bekenntnis zur modernen Industriegesellschaft aus umweltpolitischen Gründen von Öko-Anarchisten wie Murray Bookchin heftig kritisiert worden. Dass sich einer der bedeutendsten zeitgenössischen Intellektuellen, der zu den klügsten Köpfen des 20. und 21. Jahrhunderts zählt, für die Dauer von mehr als fünf Jahrzehnten, also über weite Strecken seiner überaus langen politischen Biographie hinweg, zu anarchistischen Werten bekannt hat, in dieser Hinsicht nie zum Renegaten wurde und bis heute an libertären Idealen festhält, könnte für viele Menschen, die in ihrem Engagement für den Anarchismus gesellschaftlich marginalisiert sind, allerdings nach wie vor Trost und Ansporn sein. An manchen der in diesem Buch versammelten Anmerkungen zum Anarchismus mag der Zahn der Zeit ein bisschen genagt haben, viele der von ihnen aufgeworfenen Fragen sind jedoch in der libertären Diskussion (und nicht nur dort) weiterhin von großer Relevanz. Man muss Chomskys Ideen zur industriellen Gesellschaftsorganisation, seinen Glauben an die emanzipatorischen Kräfte der Technik oder seine reformistische Haltung zur staatlichen Autorität nicht teilen, die Auseinandersetzung mit seinen kritischen, von großer analytischer Schärfe zeugenden Einsichten lohnt indes allemal.

Rainer Barbey, im Herbst 2020

Anmerkungen

(1) Diesen Ausdruck benutzt der Autor häufig zur Charakteristik seiner Methode bei der Analyse gesellschaftspolitischer Verhältnisse, so z.B. in Noam Chomsky: Language and Responsibility. Based on Conversations with Mitsou Ronat. Translated from the French by John Viertel. Hassocks: The Harvester Press 1979, S. 5.

(2) Die Begriffe „liberal interventionism“ und „liberal imperialism“ verwendet Chomsky beispielsweise in American Power and the New Mandarins (New York: The New Press 2002), S. 61 bzw. 311.

(3) Noam Chomsky: Interview, in: James Peck (Hg): The Chomsky Reader. New York: Pantheon Books 1987, S. 32.

(4) Einen ähnlich universellen Anarchismusbegriff formuliert Chomsky auch in dem Aufsatz The Soviet Union versus Socialism: „Libertarian socialism […] does not limit its aims to democratic control by producers over production, but seeks to abolish all forms of domination and hierarchy in every aspect of social and personal life, an unending struggle, since progress in achieving a more just society will lead to new insight and understanding of forms of oppression that may be concealed in traditional practice and consciousness.“ Erschienen in: Our Generation 17 (Frühling/Sommer 1986), hier zitiert nach der offiziellen Homepage des Autors „chomsky.info“.

(5) Michail Bakunin: Schrift gegen Marx, in: Ausgewählte Schriften. Hg. von Wolfgang Eckhardt. Bd. 6: Konflikt mit Marx. Teil 2: Texte und Briefe ab 1871. Berlin: Kramer 2011, S. 968f. Vgl. S. 183 in diesem Buch.

(6) Noam Chomsky: Political Prospects, in: Ders.: Radical Priorities. Hg. von C. P. Otero. Oakland: AK Press 3. Aufl. 2003, S. 183f.

(7) Peter R. Mitchell und John Schoeffel (Hg.): Understanding Power. The Indispensable Chomsky. London: Vintage 2003, S. 138.

(8) Noam Chomsky: Sprache und Geist. Aus dem Amerikanischen von Siegfried Kanngießer, Gerd Lingrün und Ulrike Schwartz. Mit einem Anhang: Linguistik und Politik. Aus dem Amerikanischen von Anna Kamp. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973, S. 183.

(9) Chomsky bezieht sich in diesem Kontext auf eine Stelle aus Bakunins Die Pariser Commune und der Staatsbegriff über „die einzige dieses Namens wahrhaft würdige Freiheit, diejenige, welche in der vollen Entwicklung aller materiellen, geistigen und moralischen Kräfte besteht, die im Zustand schlummernder Fähigkeiten jedem zu eigen sind“ (Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie und andere Schriften. Hg. von Horst Stuke. Frankfurt am Main: Ullstein 1972, S. 299). Dieses freiheitlich-universalistische Bildungsideal ist nicht weit entfernt von Humboldts Forderung, dass „schlechterdings Alles auf die Ausbildung des Menschen in der höchsten Mannigfaltigkeit“ ankomme (Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen, in: Werke. Hg. von Albert Leitzmann. Bd. I: 1785-1795. Berlin: Behr 1903, S. 143), und die von Chomsky zur Verdeutlichung seines Menschenbildes ebenfalls als Referenz angeführt wird.

(10) Deutlich skeptischer als in Sprache und Freiheit äußerte sich Chomsky hinsichtlich der Erforschbarkeit wichtiger anthropologischer Merkmale beispielsweise in einer berühmten Diskussion mit Michel Foucault aus dem Jahre 1971: „Personally, I believe that many of the things we would like to understand, and maybe the things we would most like to understand, such as the nature of man, or the nature of a decent society, or lots of other things, might really fall outside the scope of possible human science“ (The Chomsky-Foucault Debate. On Human Nature. New York: The New Press 2006, S. 28).

(11) Chomsky, American Power, S. 367.

(12) Den Glauben, dass durch Technologie und Automation die Hierarchien in der Arbeitswelt, der Gegensatz von Hand- und Kopfarbeit sowie geistlose Schwerarbeit überwunden werden könnten, artikulierte Chomsky neben dem hier abgedruckten Gespräch mit Peter Jay in programmatischer Form bereits in seinem wichtigen Essay Some Tasks for the Left von 1969. Vgl. Chomsky, Radical Priorities, S. 191. Zu den Zukunftserwartungen in den Bereichen Datenverarbeitung und Kommunikation siehe The Chomsky-Foucault Debate, S. 64.

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