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Staatsfeinde
ArtNr./ISBN: 9783518063972
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Staatsfeinde

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Staatsfeinde
Studien zur politischen Anthropologie

Von Pierre Clastres

Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, 1974. Broschur, 208 Seiten. Zur Zeit vergriffen (Vorbestellungen für antiquarische Angebote werden angenommen).

Beschreibung:

Im Mittelpunkt der Untersuchungen des französischen Anthropologen steht die Frage nach der Entstehung des Staates in primitiven Gesellschaften. Die Antwort ist einigermaßen frappierend: eigentlich konnte der Staat hier gar nicht entstehen, jedenfalls nicht so, wie man es sich gemeinhin (evolutionistisch oder marxistisch) vorstellt: als politischer Vollzug einer ökonomisch vorgeprägten Teilung in Herrschende und Beherrschte. Gerade diese Teilung - Quelle und Ausfluss politischer Macht - zu verhindern, ist nach Clastres der »Sinn« der sozialen Ordnung primitiver Gesellschaften.

Wie vollzieht sich nun der Übergang vom Häuptlingtum zum Königtum, vom Stamm zum Staat, der gern als »natürlicher« Evolutionsschritt angesehen wird? Nach Clastres ist es eine Art Unfall, eine zu Anfang vielleicht nur individuelle Verrücktheit, die kollektive Ausmaße annahm. Er zitiert und deutet ethnologische Materialien, die für diese These sprechen. Unter den Tupi-Guarani z. B. erhoben sich im 15. / 16. Jahrhundert Propheten, die das Volk vor Machtgelüsten einzelner Kriegshäuptlinge warnten. Sie sprachen beschwörend von dem Einen als dem Bösen (dem Staat) und entfachten dadurch eine Massenbewegung, die gerade das bewirkte, wogegen sie angetreten war: die Heraufkunft des Einen, des Bösen, des Staats. In der Rede des Propheten lag, anders als in der des Häuptlings, der Keim politischer Macht.

Beginnt der Staat im Wort? Nach Clastres ist es jedenfalls nicht mehr möglich, seinen Ursprung allein in der ökonomischen Basis zu suchen, die ihn vielmehr ausschließt. Erst wo es ihn schon gibt, kann jenes Privateigentum entstehen, das er schützt.

Inhalt

  1. Kopernikus und die Wilden [7]
  2. Tausch und Macht: Theorie des indianischen Häuptlingstums [28]
  3. Unabhängigkeit und Exogamie [49]
  4. Demographische Elemente des indianischen Amerika [78]
  5. Der Bogen und der Korb [99]
  6. Worüber lachen die Indianer? [126]
  7. Die Pflicht zum Wort [148]
  8. Propheten im Dschungel [153]
  9. Vom Einen ohne das Viele [163]
  10. Über die Folter in primitiven Gesellschaften [169]
  11. Die Gesellschaft gegen den Staat [179]

... und mehr

Textauszug:

In der primitiven Gesellschaft, einer dem Wesen nach egalitären Gesellschaft, sind die Menschen Herren über ihre Tätigkeit, Herren über die Zirkulation der Produkte dieser Tätigkeit: sie handeln nur für sich selbst. auch wenn das Gesetz des Gütertauschs das unmittelbare Verhältnis des Menschen zu seinem Produkt mediatisiert. Alles gerät folglich durcheinander, wenn die produktive Tätigkeit von ihrem ursprünglichen Ziel abgelenkt wird, wenn der primitive Mensch, statt ausschliesslich für sich selbst zu produzieren, auch für die anderen produziert, und zwar ohne Austausch und ohne Gegenseitigkeit. Dann erst kann man von Arbeit sprechen: wenn die egalitäre Tauschregel nicht mehr den »code civil« der Gesellschaft bildet, wenn die produktive Tätigkeit darauf zielt, die Bedürfnisse der anderen zu befriedigen, wenn an die Stelle der Tauschregel der Terror der Schuld tritt. Und genau hierin liegt der Unterschied zwischen dem amazonischen Wilden und dem Indianer des Inka-Reichs. Der erste produziert, um zu leben, während der zweite ausserdem noch arbeitet, um die anderen leben zu lassen, jene, die nicht arbeiten, die Herren, die ihm sagen: du musst zahlen, was du uns schuldest, du musst uns ewig deine Schulden zurückzahlen.

Wenn in der primitiven Gesellschaft das Ökonomische als autonomer und definierter Bereich erscheint, wenn die produktive Tätigkeit entfremdete Arbeit wird, die jene verbuchen und aufzwingen, welche die Früchte dieser Arbeit geniessen, dann ist die Gesellschaft keine primitive mehr, dann ist sie zu einer in Herrscher und Beherrschte, Herren und Knechte geteilten Gesellschaft geworden, dann bannt sie nicht mehr, was bestimmt ist, sie zu töten: die Macht und die Ehrfurcht vor der Macht. Die Hauptteilung der Gesellschaft, die alle anderen Teilungen begründet, einschliesslich der Arbeitsteilung, ist die neue vertikale Anordnung zwischen der Basis und der Spitze, es ist der grosse politische Schnitt zwischen Inhabern der Macht, sei sie nun kriegerisch oder religiös, und den dieser Macht Unterworfenen. Die politische Beziehung der Macht geht der ökonomischen Beziehung der Ausbeutung voraus und begründet sie. Bevor die Entfremdung ökonomisch ist, ist sie politisch, vor der Arbeit steht die Macht, das Ökonomische ist ein Ableger des Politischen, das Auftauchen des Staats bestimmt das Entstehen der Klassen.

Pierre Clastres, Staatsfeinde. Studien zur politischen Anthropologie


Diesen Titel haben wir am Donnerstag, 21. Juli 2011 in unseren Katalog aufgenommen.


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